Lienz 1945: Ende und Anfang

 

Bombenkrieg

Abseits des vorherigen Daseins als reines Überflugsgebiet kam die Region des heutigen Osttirol ab Ende 1944 direkt in den Einzugsbereich der US-Luftwaffe. Nach ersten Angriffen sowie Tieffliegerattacken auf Sillian und Lienz wurde die „Kreisstadt“ ganz zum Schluss kurz vor Kriegsende, und zwar am 19. und 26. April 1945, „Gelegenheitsziel“ zweier verheerender US-amerikanischer Luftschläge, mit fast vollständiger Zerstörung des Bahnhofs und des „Adolf-Hitler-Platzes“ (Hauptplatzes) sowie mehreren Bomben-Todesopfern. Mit den parallelen Angriffen auf Spittal an der Drau und Klagenfurt am 26. April endete der US-Bombenkrieg in Österreich. Die im Tiroler Photoarchiv liegenden Baptist-Fotos mit den vielen Schäden und Schuttbergen in Lienz sprechen wahrlich Bände. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich übrigens in Wien bereits die Provisorische österreichische Staatsregierung unter Karl Renner gebildet gehabt.

 

Chaos zu Kriegsende, Kosaken und Schotten

Osttirol blieben furchtbare Kriegsende-Verbrechen wie in Ostösterreich mit Todesmärschen, Verfolgungsjagden oder Erschießungen von Deserteuren, Juden, Widerstandskämpfern etc. erspart. Doch auch hier überschlugen sich die Ereignisse:

Während zum Beispiel am 3. Mai bei Zedlach ein deutscher SS-Hauptsturmführer zunächst seine Frau, dann seine vier kleinen Kinder und schließlich sich selbst erschoss, auch in Sillian und Lienz mehrere NS-Verantwortliche den Freitod wählten, traf in der ersten Maiwoche der riesige bewaffnete Tross der Kosaken im Lienzer Talboden ein: rund 25.000 Männer, Frauen und Kinder, mit mehreren tausend Pferden. Ganz Osttirol hatte damals rund 35.000 Einwohner, Lienz 8.000!

Während der NS-Gemeinderat von Lienz unter Bürgermeister Emil Winkler noch das rasche Weiterschleusen der Kosaken nach Winnebach an der Grenze zu Südtirol zu den dort bereits eingelangten US-Amerikanern versuchte – erfolglos (!) –, marschierten am 8. Mai 1945 die Briten im Form der schottischer Besatzungssoldaten der „8. Argyll and Sutherland Highlanders“ in Lienz ein. Damit fand auch hier der Krieg ein Ende. Die Osttiroler Bevölkerung war vom NS-Regime befreit!

Im Auftrag des Kommandanten Major Barton wurde am Rathaus die britische Nationalflagge, der „Union Jack“, gehisst. Die Briten besetzten in der Folge ganz Osttirol – mit Schwerpunkt auf Lienz, Matrei und einer Grenzsperrzone um Sillian. Es folgte die Ausforschung und Verhaftung von NS-Funktionären, auch gemeinsam mit den „österreichischen Freiheitskämpfern“. Gemäß Vorgabe der neuen Kärntner Landesregierung, die auch für Osttirol zuständig war, sollte nach Möglichkeit der letzte gewählte Bürgermeister wieder die Gemeindeverwaltung übernehmen. So fungierte in Lienz erneut Johann Ignaz Oberhueber als Gemeindeoberhaupt, der bereits 1913–1919 und 1922–1928 Bürgermeister gewesen war.

Ein Wort noch zum Schicksal der mit der Deutschen Wehrmacht verbündet gewesenen und im Lienzer Talboden lagernden Kosaken: Der allergrößte Teil von ihnen, über 22.000, sollte durch die Briten bis Mitte Juni gewaltsam an die verbündeten Sowjets zwangs-ausgeliefert werden. Mehrere Hundert haben dabei zu Beginn, am 1. Juni, den Tod gefunden. Dieses einzige Mal, dass der hiesige Raum zum Schauplatz der Weltgeschichte wurde, ist als „Tragödie an der Drau“ in die Annalen eingegangen.

Hinsichtlich der Zustände zu Kriegsende in Lienz Anfang Mai 1945 ist noch zu erwähnen, dass hier vor dem Einrücken der Briten schon alles in Auflösung gewesen ist. Gestapo und Militär räumten ihre Gebäude und verbrannten zahllose Unterlagen. Die in Lienz kurzfristig in den letzten Kriegstagen gebildete Widerstandsbewegung unter den NS-Verfolgten Theodor Hibler und Hermann Pedit hatte Landrat/Bezirkshauptmann Fritz Petritsch befreien und wiedereinsetzen könnten – Petritsch war eingesperrt worden, weil er sich gegen die geplante Verteidigung von Lienz ausgesprochen hatte. Ida Hibler, die Frau Theodor Hiblers, war noch am 4. Mai von der SS inhaftiert worden, nachdem sie vorschnell zur Begrüßung der Alliierten die rot-weiß-rote Fahne gehisst hatte.

 

Ausblick

Die weiteren bestimmenden Faktoren in Osttirol und Lienz bis Ende 1945 umreißen – wie im übrigen Tirol und Österreich – die Begriffe „Flüchtlingswesen“, „Ernährungslage“, „Wiederaufbau“ und „beginnende Entnazifizierung“: Abseits der anwesenden Kosaken trafen im Bezirk ab Mitte Mai die ersten vor den kommunistischen Tito-Partisanen geflohenen Flüchtlinge aus Slowenien ein. Im Sommer folgten vertriebene Volksdeutsche. Die Nahrungsmittel-Zwangsabgaben der Bauern unter dem Nationalsozialismus mussten weiterhin aufrecht erhalten bleiben, um eine Hungersnot zu verhindern. Verantwortlich war hier der neue Bezirksbauernobmann und Leiter des Ernährungsamtes, der Perlogerbauer und späterer langjährige ÖVP-Nationalratsabgeordnete Franz Kranebitter. Auch die Briten halfen mit wichtigen Lebensmittellieferungen aus. Der jahrelange Wiederaufbau wiederum konzentrierte sich auf das bombenzerstörte Lienz, und dort besonders auf Bahnhof und Hauptplatz. Die Entnazifizierung der Briten zielte als Erstes generell auf die Suche, Verhaftung und längere Internierung der Nationalsozialisten in den Lagern Wolfsberg und Weißenstein ab – Prozesse folgten in den darauffolgenden Jahren. In Osttirol gab es ein beratendes „De-Nazifizierungskomitee“ unter dem neuen Bezirkshauptmann Theodor Hibler. Nach Anerkennung der Renner-Bundesregierung durch die Westalliierten fanden am 25. November 1945 die ersten Nationalratswahlen der Zweiten Republik Österreich statt. Trotz deutlichem Erfolg der Österreichischen Volkspartei gab es eine stabile Drei-Parteien-Koalition ÖVP-SPÖ-KPÖ.

 

Kurator: Martin Kofler (Archivleiter TAP)

 

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